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Biologisch Landwirtschaften im burgenländischen Zagersdorf. Biobäuerin Martina Schmit hat aus dem elterlichen Mischbetrieb kontinuierlich auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Für Schmit bedeutet das über die Einhaltung der EU-Vorgaben hinaus, der Natur durch symbiotische Beobachtung bestmöglich ökologische Entfaltung zu verschaffen.

Lexpress: „Biologische” Landwirtschaft zu betreiben bedeutet auch strenge Regulierungen einzuhalten. Gegenüber der konventinellen Bewirtschaftung eine betriebliche Belastung – was war Ihre Triebfeder Biobäuerin zu werden?

Martina Schmit: „Zunächst wollten meine Eltern gar nicht, dass ich den landwirtschaftlichen Betrieb übernehme, da sie keine Zukunftsperspektiven gesehen haben. Mein Mann und ich haben dennoch beschlossen den Betrieb zu übernehmen. Und von vornherein war klar – nach kurzzeitiger konventioneller Bewirtschaftung – schrittweise auf biologisches Landwirtschaften umzubauen. Der Gedanke, durch eine besondere Bewirtschaftung meines Grund und Bodens etwas ändern zu können, beflügelt mich. Unser erstes Gerät war ein gebrauchter Mähdrescher, im ‘Lohndrusch’ konnten wir uns so Kapital beschaffen, aber auch über Jahre hinweg Kontakte zu Bauern in der Umgebung knüpfen. Unsere Arbeit schaffte Vertrauen und einige dieser Bauern haben uns ihre Grundstücke verpachtet oder verkauft. In einem Fall haben wir von einem Landwirt auf einen Schlag 60 Hektar übernommen, was eine große Herausforderung für uns dargestellt hat. Zu Spitzenzeiten mussten wir die Arbeiten vergeben. Mittlerweile sind wir bei 160 Hektar bewirtschafteter Fläche angelangt.“

Triebfeder und Motivation des Biohof Schmit: „Die Liebe zur Landwirtschaft und der Wunsch, anders als der konventionelle Landbau zu bewirtschaften.“
Triebfeder und Motivation des Biohof Schmit: „Die Liebe zur Landwirtschaft und der Wunsch, anders als der konventionelle Landbau zu bewirtschaften.“

Die burgenländische Bio-Landwirtschaft liegt mit einem Flächenanteil von 25% im europäischen Spitzenfeld. Wie haben Sie es geschafft, sich in diesem begehrten Markt zu etablieren?

Martina Schmit: „Seit nunmehr 12 Jahren arbeiten wir biologisch. Die Umstellungsphase erforderte große finanzielle Investitionen. Man muss zunächst 2 Jahre biologisch wirtschaften und kann das Produkt nur als Futterware verkaufen. In dieser Phase ist das Produkt nicht als biologisch anerkannt. Wir haben nun auf einem Drittel unserer Fläche Luzerne angebaut um Stickstoff in den Boden zu bringen (Anm.d.Red.: Luzerne bietet hohen Ertrag auch mit wenig Wasser. Im Mittelmeerraum ist sie eine der Hauptfutterpflanzen. Ideal als Mischkomponente, da Luzerne schmackhaft und ertragreich ist). Die Überlebenschance liegt in der Größe. Durch Grundzusammenlegungen und Flächentausch konnten wir große Bewirtschaftungsflächen gewinnen, so bearbeiten wir zum Teil riedweise. Das bringt vielfältige Vorteile wie optimaler Einsatz der Geräte, Verringerung des Bodendrucks und ressourcenschonende Bewirtschaftung.“

„Bio” ist mittlerweile ein strapazierter Begriff.Was unterscheidet ihr Unternehmen zur „Biomasse“?

Martina Schmit: „Bio bedeutet grundsätzlich ohne Einsatz von Chemie, Pflanzenschutzmittel, Kunstdünger etc zu arbeiten. Die Biorichtlinien halten wir sowieso ein. Zusätzlich versuchen wir durch Beobachtungen eine Symbiose mit der Natur einzugehen. Zur optimalen Bestäubung unserer Kürbisse verwende ich als ausgebildete Imkerin Bienenvölker. Nach wie vor bin auch auf der Suche nach Imkern, welche bereit sind, ihre Bienenvölker auf unsere Sonnenblumenfelder zu stellen. Weiters nutzen wir im Feld gesetzte Blühstreifen, um die fremdbestäubenden Insekten anzulocken. Eine Arbeitsgruppe der Universität für Bodenkultur Wien erarbeitet momentan eine Studie zur Wirkung dieser Blühstreifen. Anders als üblich bauen wir auch Leinsamen an und produzieren daraus Leinöl.“

Innovation und Qualität in Einklang zu bringen ist für Ihr Unternehmen eine besondere Herausforderung?

Martina Schmit: „In den Verkauf bringen wir ausschließlich Produkte von unseren eigenen Feldern, zum einen um die Umwelt zu schonen, zum anderen um unsere eigenen Qualitätsrichtlinien zu erfüllen. Qualität bedeutet für uns auch die Zusammenarbeit im regionalen Verbund.Wir nutzen und helfen uns gegenseitig. Unsere Kürbiskerne werden in einem kleinen steirischen Betrieb verarbeitet, der Inhaber kennt mich und auch meine Anforderungen.“

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung Ihres Betriebes ein?

Martina Schmit: „Meine Vision ist, unabhängig von der Betriebsgröße, mindestens 50% unserer Produkte direkt zu vermarkten. Ich möchte auf zwei Beinen stehen und nicht mit einem Bein – ob der Abhängigkeit – wirtschaftlich hinterherhinken. Die Natur gibt mir vieles vor, eine 100% Direktvermarktung ist zB aufgrund der Fruchtfolge, die auch den Anbau von Getreide und Mais erfordert, nicht erreichbar.“

Wachstum ist eine Chance, stellt für kleine Unternehmen aber auch neue Belastungen dar …

Martina Schmit: „Die Antragsbewilligung zum Bau einer Halle beansprucht bei uns etwa eineinhalb Jahre. Die landwirtschaftlichen EU-Förderrahmen und deren Bedingungen sind aber bis 2013 definiert. Was danach kommt,weiß niemand. Wenn nun der Antrag erst nach 2013 bewilligt wird, finde ich womöglich geänderte Rahmenbedingungen vor und muss erneut in Abänderungen investieren. Das hemmt nicht nur meine wirtschaftliche Entwicklung, das ist auch betriebsgefährdend.“

Wie erreichen Ihre Produkte den Markt?

Martina Schmit: „Grundsätzlich ab Hof, aber auch via Reformhäuser, Bioläden und im Sonderverkauf. So habe ich 400 Flaschen Leinöl an den Raiffeisenkonzern geliefert, Aufträge von französischen Luxushotels lukrieren können. Immer beliebter wird es auch für Firmen, anstatt chinesischer Kugelschreiber und Feuerzeuge, ihren Kunden unsere Bio-Produkte zu schenken. Aber auch am ungarischen Markt sind wir präsent.Weitere Vermarktungswege laufen über Filialisten – beschwerlich dabei sind der hohe Preisdruck, zusätzliche Gebühren und für uns unwirtschaftliche Reglementierungen. Der Vertrieb über Konzerne ist für uns Kleinbauern überlebensnotwendig, der auf uns ausgeübte Druck erfolgt nach dem Motto: „Überleben lassen, aber nicht mehr.“ Besonders wichtig ist mir aber der persönliche Kontakt mit den Interessenten – ob nun bei kleinen Mengen oder Großlieferungen.“

Ihre persönlichen Anforderungen zur biologischen Bewirtschaftung?

Martina Schmit: „Mein Kapital ist mein Boden, die Natur kann ich nicht beeinflussen, ich kann nur dafür sorgen, dass mein Boden gesund bleibt.Wenn ich einen guten Humusaufbau habe, dann wächst alles viel besser. Das heißt, in der Trockenperiode entstehen Luftlöcher im Boden, Regenwürmer arbeiten mit, dieser Boden kann sehr viel mehr Wasser speichern und die Pflanzen können es auch erreichen.Humus nicht aufzubauen bedeutet, der Boden lässt das Wasser durch. In der Trockenperiode ‘hängt’ die Pflanze, bei starkem Regen ‘ersäuft’ sie, weil das Wasser nicht abrinnen kann. Ein Teil unserer Beitrags zur biologischen Wirtschaft ist nach der Ernte eine Zwischenfrucht anzubauen. Diese wird nicht geerntet und dient ausschließlich der Aufbesserung des Bodens – die Pflanzen bewahren den Boden vor Sonneneinstrahlung und Wind. Die Zwischenfrucht, zB Leguminosen (Anm.d.Red.: Hülsenfrüchte, sehr nährstoffreiche Pflanzen, die reichlich Protein, Vitamine und Mineralstoffe, aber auch antinutrive Stoffe beinhalten. Leguminosen binden Stickstoff im Boden und verbessern die Bodenstruktur) bietet auch Schutz und Nahrung für die Mikroorganismen im Boden. In unserer biologischen Landwirtschaft arbeiten wir pfluglos, eine Auflockerung des Bodens wird in viel geringerer Tiefe mit dem Gruber durchgeführt. Die Zwischenfrucht wird in den Boden eingearbeitet, so erhalten wir die natürliche Leistungsfähigkeit des Bodens und das Leben der Tiere. Danach erfolgt wieder der Anbau der Hauptfrucht.“

„Warum nicht ein bisserl mehr zahlen, dafür um 80% weniger wegschmeißen – und gesund leben!“

Bewusst zu produzieren entspricht Ihrer Lebensmaxime?

Martina Schmit: „Ich möchte meine Produkte nicht dezitiert als Nahrungsmittel bezeichnen, dies sei der Industrie vorbehalten. Unter Lebensmittel verstehe ich eben das erforderliche Mittel zum Leben. Menschen, welche bewusst leben wollen, werden daher von Produkten meines Betriebes besonders angesprochen. Die Kunden wissen definitiv was sich in meinem Leinöl,Kürbiskernöl und Sonnenblumenöl befindet.Wenn der Konsument nun bewusst kauft, erhält er nicht nur seine Gesundheit, er unterstützt auch die regionale Wirtschaft und schützt die Natur. Der Ankauf von auf brasilianischem Boden produzierten Leinöl ist ganz einfach nicht erforderlich und kontraproduktiv. Sicherlich ist es schwierig biologisch zu wirtschaften und es ist eine Anforderung an den Konsumenten bewusst mit Lebensmitteln umzugehen. Viele Bauern können sich die Umstellung auf Bio nicht leisten und müssen weiter konventionell arbeiten – die notwendigen Ausgaben für Spritz- und Düngemittel sind enorm. Um in diesem Wettbewerb zu bestehen, sind wirBiobauern gezwungen mehr zu arbeiten. Um Weiterzubestehen, werden wir zum Wachstum getrieben.Darin sehe ich auch Chancen, die damit einhergehenden Belastungen sind jedoch gewaltig.“ (mp)

Bio-Roh-Popcorn aus dem Urkorn
Bio-Roh-Popcorn aus dem Urkorn

Der Biohof Schmit bewirtschaftet als Familienunternehmen ca 160 Hektar biologische Anbaufläche – zwischen den Ausläufern des Ruster Hügellandes und der fruchtbaren Ebene der Wulka, im nordburgenländischen Zagersdorf. Durch biologische Bewirtschaftung leistet Biobäuerin Martina Schmit einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt, der Umwelt, der Naturpflege und Bodengesundung. Die Produkte Ihres Betriebes bietet dem Menschen hervorragende „Lebensmittel“.  Neben Produkten aus Kürbissen, Leinsamen und Sonnenblumen wird als Besonderheit und einzigartig in Österreich aus Mais Bio-Roh-Popcorn hergestellt. „Aus dem Urkorn“, so Martina Schmit. „Denn es gibt keine hybridfreien Maissorten mehr“.

BIO-LANDBAU IN ÖSTERREICH
Österreich verfügt über 372.026 Hektar ökologisch bewirtschafteter Anbaufläche und hat nach Liechtenstein (29,7%) den weltweit
höchsten Anteil (13,4%)* an ökologisch bewirtschafteter Anbaufläche mit 19.997 Biobetrieben. Im Burgenland arbeiten etwa 1.000 Betriebe auf Bio-Basis und bewirtschaften eine Fläche von etwa 42.000 Hektar. Biologischer Landbau bezieht sich auf die Grundlage, hochwertige Lebensmittel unter Schonung der natürlichen Ressourcen zu erzeugen. Dies bedeutet:
– Betriebsmittel werden nicht zugekauft, sondern es wird wieder verwendet, was am Hof anfällt. Das gilt besonders für Kompost und Düngemittel (Mist, Gülle).
- Keine umweltschädigenden und energieintensiven Kunstdünger beim Anbau von Getreide, Feldfrüchten, Obst und Gemüse.
– Kein Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel, – Schädlingen und Krankheiten wird durch Förderung des ökologischen
Gleichgewichts entgegengewirkt.
– Durch schonende Bearbeitung, Ausbringung natürlicher Dünger und ausgewogene Fruchtfolgen werden die Bodengesundheit
und -fruchtbarkeit gefördert.
– Tierfreundliche Nutztierhaltung – Futtermittel müssen biologischer Herkunft sein, Leistungsförderer oder Antibiotika sind verboten.
– Natürliche Regulationsmechanismen und Selbstheilungsprozesse in intakten Ökosystemen bilden die Grundlage des Landbaus.
– Auf den Einsatz von Gentechnik wird verzichtet.
* (FIBL / IFOAM, Zahlen von 2007), Lebensministerium. Seit 1.1.2009 gelten die Biolandbau-Verordnungen (EG) 834/2007 und 889/2008. Sie regeln die Herstellung, Kennzeichnung und Kontrolle aus biologischer Landwirtschaft.

Michael Pfeiffer, Oktober 2011