Rückgrat des flächendeckenden klimafreundlichen Verkehrs in den Regionen (© ÖBB/Philipp Horak)

Bei der diesjährigen Jahrespressekonferenz des Verbands der Bahnindustrie gaben Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, ÖBB-Vorstandsvorsitzender Andreas Matthä und VBI-Präsident Kari Kapsch Einblicke in die Möglichkeiten, Vorhaben und Initiativen hinsichtlich der Zukunft der heimischen Regionalbahnen, wie diese als wichtige Zubringer zu den Hauptstrecken attraktiviert werden können und welchen Einfluss sie auf die Regionalentwicklung und den flächendeckenden klimafreundlichen Verkehr in Österreich haben – mit einem klaren Bekenntnis zu mehr Schienenverkehr in den Regionen.

Regionalbahnen für den Personen- und Güterverkehr stellen wirtschaftlich und ökologisch wichtige Verkehrs- und Mobilitätsflüsse in den Regionen abseits der Hauptstrecken dar. Als klimafreundliche Zubringer sorgen sie für mehr Auslastung auf den Hauptstrecken. Nach dem massiven Rückbau von Regionalstrecken in den vergangenen Jahrzehnten, gewinnt ihr Stellenwert mit der Verpflichtung zur Reduktion von Emissionen im Verkehrssektor, wieder an Bedeutung.

Anschlussbahnen noch stärker fördern
Revitalisierungen von Regional- und Anschlussbahnen werden vorangetrieben, um wieder mehr Fahrgäste und Güter auf die Schiene zu bringen. Zudem führt mit Blick auf die Klimaziele in Österreich und Europa kein Weg an Revitalisierung und Modernisierung von Regionalstrecken für Personen- und Güterverkehr vorbei, wie Klimaschutzministerin Gewessler erklärt: „Im Kampf gegen die Klimakrise müssen wir unsere Art und Weise, wie wir uns fortbewegen, neu denken und unser Verkehrssystem vom Kopf auf die Füße stellen. Regionalbahnen sind dabei von besonderer Bedeutung. Sie sind das Rückgrat für den klimafreundlichen Verkehr in unseren Regionen, bringen die Menschen von den Hauptverkehrsstrecken nach Hause. Deshalb investieren wir in den kommenden fünf Jahren über den ÖBB Rahmenplan hinaus weitere 40 Millionen Euro in Stadtregionalbahnen und rund eine halbe Milliarde Euro in den Ausbau der Privatregionalbahnen. Damit machen wir uns auf einen guten Weg für mehr Öffis und mehr Klimaschutz. Diese Investitionen sorgen auch für sichere Arbeitsplätze und Wertschöpfung in unseren Regionen.“

Auch in den Planungen der ÖBB für die Zukunft spielen Regionalbahnen eine wesentliche Rolle. Deshalb werden bei den Bundesbahnen in den kommenden Jahren beträchtliche Investitionen in die Modernisierung und den Ausbau von Regionalbahnen sowie deren Infrastruktur fließen, wie ÖBB CEO Andreas Matthä betont: „Regionalbahnen sind ein elementarer Bestandteil des System Bahn in Österreich und wichtiger Zubringer für das gesamte Netz für den Personen- und Güterverkehr. Für unsere Industrie ist eine Bahn-Durchbindung von den Häfen bis direkt ins Werk essenziell. Daher müssen Anschlussbahnen erhalten, und neue stärker gefördert werden“. Die ÖBB bekennen sich zu den Regionalbahnen: „Wir investieren in den kommenden Jahren rund 1,9 Milliarden Euro. Damit werden Strecken ausgebaut und die umweltfreundliche Elektrifizierung von Strecken finanziert, sowie Bahnhöfe und Haltestellen modernisiert“, so Matthä.

Digitalisierung als wichtiger Schlüssel
Kari Kapsch, Präsident des Verbands der Bahnindustrie, hob das klare Bekenntnis der Bundesregierung für mehr Verkehr auf der Schiene in den nächsten Jahren, das auch im Bereich der Regionalbahnen erheblichen Niederschlag finden wird, hervor. „Die in den nächsten Jahren geplanten Investitionen auch im Bereich der Regionalbahnen, sind nicht nur mit Blick auf die Bewältigung des Klimawandels wichtig und richtig, sondern sind gerade auch nach der Corona-Pandemie dringend notwendig, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Die dadurch ausgelöste Wertschöpfung darf aber nicht in Drittstaaten abwandern, sondern die Investitionen müssen auch bei den heimischen und europäischen Unternehmen ankommen. Dafür benötigen wir Vergabemodalitäten, die die regionale Wertschöpfung begünstigen.“

Hinsichtlich der Modernisierung und Attraktivierung von Regionalbahnen sieht Kapsch erhebliches Potenzial in der durch die Digitalisierung möglichen neuen Innovationen. Hier spielt die Bahnindustrie eine wichtige Rolle, so Kapsch: „Die Digitalisierung bietet die Grundlage, um die Kapazitäten auf den bestehenden Strecken wesentlich zu steigern. Die Unternehmen der Bahnindustrie arbeiten beispielsweise gemeinsam mit den ÖBB an vielen Pilotprojekten, um dichtere Zugsfolgen, kürzere Taktungen und genaues Tracking von Zügen zu realisieren. Solche Innovationen braucht es dringend, damit die Bahn auch in den Regionen gegenüber der Straße konkurrenzfähig bleibt bzw. wird, gerade wenn es um den Güterverkehr geht.“

Darüber hinaus gibt es laut Kapsch von vielen kleineren Betreibern den Wunsch, künftig noch intensiver mit der Industrie zusammenzuarbeiten, um innovative Lösungen für Nebenstrecken auf die Schiene zu bekommen. Als Komplettanbieter, der alles fertigt, was das System Bahn benötigt, sieht Kapsch die Bahnindustrie als wichtigen Partner der heimischen Regionalbahnen, der durch moderne Fertigungstechniken, eine geeignete Materialauswahl und intelligente Steuerungstechnik, auch einen wichtigen Beitrag zur Wirtschaftlichkeit klimafreundlicher Mobilität in den Regionen leistet.

Höchst innovativ
Weiters wurde bereits zum dritten Mal der Innovationspreis der Bahnindustrie an ein junges Talent der Branche vergeben. Gesucht waren innovative Konzepte zur Modernisierung und Attraktivierung von Regionalbahnen. Das Siegerprojekt 2021 beschäftigt sich mit vorausschauender Wartung von Zügen, die wiederum zur höheren Wirtschaftlichkeit beim Betrieb beiträgt. Mit Blick auf die Bewältigung des Klimawandels ein bedeutendes Thema, denn die Schiene muss gegenüber der Straße konkurrenzfähiger werden.

Bernhard Girstmair heißt der Sieger: Im Rahmen seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Fehlerdetektion und Zustandsdiagnose von Eisenbahndrehgestellen mithilfe von Methoden des Maschinellen Lernens und wahrscheinlichkeitsbasierter Entscheidungsfindung“ an der TU Graz beschäftigt sich Girstmair mit vorausschauender Wartung von Zügen, und hier vor allem mit den Komponenten des Fahrwerks eines Zuges. Der problemlose Betrieb des Fahrwerks ist essenziell, wodurch die vorausschauende Wartung großes Potenzial hinsichtlich des wirtschaftlicheren Betriebs von Schienenfahrzeugen birgt.

Die Doktorarbeit des gebürtigen Osttirolers und nunmehrigen Siemens Mobility-Ingenieurs gliedert sich dabei in zwei Teile, wie Girstmair erklärt: „Meine Arbeit stellt ein Konzept zur Fehlerdetektion von mechanischen Komponenten, wie zum Beispiel Feder- und Dämpferelementen bei Drehgestellen, dar. Zunächst wird der Einfluss von Komponentenfehlern auf die Fahrdynamik analysiert. Hier kommen klassische Methoden des Ingenieurwesens wie Übertragungsfunktionen zur Anwendung. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit Methoden des maschinellen Lernens und dem Trainieren und Testen von statistischen Modellen basierend auf extrahierten Merkmalen. Dabei wird eine Vielzahl von Mehrkörpersimulationen durchgeführt, um ein physikalisches Verständnis der Effekte der einzelnen Fehlermodi zu erarbeiten. Neben Simulationen werden auch reale Messdaten von Testfahrten mit Fehlern analysiert.“

Die entwickelten Algorithmen helfen dabei Schwachstellen an den Fahrwerken früher zu erkennen, wodurch die Wartung wesentlich rascher durchgeführt werden kann und Züge so schneller wieder auf der Schiene unterwegs sind.

Günstigere Instandhaltung und bessere Wirtschaftlichkeit
Das entwickelte Konzept kommt auch bereits in der Praxis zum Einsatz. So wurde es in die insgesamt 84 Züge umfassende Flotte der Regionalbahn Rhein Ruhr Express (RRX) implementiert. Die Züge sind eine der wichtigsten Säulen der öffentlichen Mobilität in einem der größten Ballungsräume Europas. Durch Sensorik und Digitalisierung werden Anomalien an Fahrwerken im Feld detektiert. Bevor sich diese Anomalien zu Fehlern entwickeln und ein Zug aus dem Betrieb genommen werden muss, können sie vorausschauend behoben werden. Mit diesem Konzept hält Siemens Mobility die Fahrzeugverfügbarkeit der Flotte auf 99 Prozent, was dem Betreiber Kosten spart und die Fahrgastzufriedenheit steigert. Auch auf Regionalstrecken in Österreich könnte das Konzept bald zum Einsatz kommen.

„Die von Bernhard Girstmair in seiner Arbeit entwickelte Innovation, wird künftig viel dazu beitragen, um die Schiene, und hier auch Regionalbahnen, gegenüber der Straße konkurrenzfähiger zu machen“, hofft Kari Kapsch. „Wir benötigen wirtschaftliche und zuverlässige (Regional)Bahnen, die das klimafreundliche Verkehrsnetz der Zukunft bilden.“

Auch bei den Einreichern der weiteren innovativen Arbeiten bedankt sich Kapsch für ihr Engagement: „Jedes der eingereichten Konzepte wird zur Aufwertung und Modernisierung von Regionalbahnen beitragen. Ich bin stolz, dass wir mit dem Innovationspreis einen Wettbewerb ins Leben gerufen haben, der die Innovationskraft der heimischen Bahnindustrie nicht nur widerspiegelt, sondern auch zeigt, wie wichtig junge Fachkräfte und deren Kreativität für die Branche und letztlich auch für das gesamte System Bahn sind. Denn Innovationen beginnen bei jenen, die sie entwickeln.“

7.7.2021 / Autor: Paul Christian Jezek / paul.jezek@lex-press.at