Dem ATX werden gute Wachstumschancen zugebilligt, Bankhaus Spängler sieht positive Konjunkturaussichten – und Amundi sorgt für den globalen Überblick. (Bild: pixabay.com)

Der ATX blieb im internationalen Vergleich im Vorjahr klarer Under-Performer. Nach dem Gewinneinbruch sollten die ATX-Ergebnisse 2021 aber um mehr als 70 Prozent steigen. Während andere Indizes bereits neue Höchststände erreichen, konnte der heimische Leitindex bis dato nur rund drei Viertel seiner, seit dem Ausbruch der Pandemie, erlittenen Verluste wettmachen. Auch wenn die Pandemie noch lange nicht besiegt ist, sollte 2021 von einer Erholung der Wirtschaft geprägt sein. Höhere Bewertungen auf Basis von KGVs sollten nicht beunruhigen, da eine vollständige Rückkehr zur Normalität und zu Gewinn-Niveaus von 2019 voraussichtlich erst 2022 erreicht werden können. Das derzeitige Zinsumfeld spricht allgemein für Aktien, der ATX könnte zusätzlich von den stabilen Rahmenbedingungen und positiven Wachstumsaussichten in der Region Zentral- und Osteuropa profitieren.

„Das außerordentliche Jahr 2020 führte infolge der Pandemie weltweit zu einer schweren Rezession“, präzisiert Fritz Mostböck, Leiter Erste Group Research. „Der ATX verzeichnete eine deutliche Underperformance, was nicht zuletzt auf seine Index-Zusammensetzung zurückzuführen ist. Für heuer erwarten wir eine Wirtschaftserholung und steigende Gewinne, wovon der ATX aufgrund seines zyklischen Charakters besonders profitieren sollte.“

Austro-Aktien mit Potential
Die Kursverluste der Monate Februar und März 2020 sind noch nicht vollständig wettgemacht. Der ATX ist trotz seiner historisch hohen Bewertung im Vergleich zu anderen Indizes aber immer noch günstig. Die aktuellen Kurse spiegeln bereits einen Wirtschaftsaufschwung und eine Verbesserung der Unternehmensergebnisse wider. Eine vollständige Erholung und eine Rückkehr zu Gewinnniveaus von 2019 sind jedoch noch nicht eingepreist.

Das ATX-Kursziel von 3.250 entspricht dem langfristig durchschnittlichen KGV von etwa 13x bezogen auf die prognostizierten Unternehmensgewinne von 2022. Bei den Einzelwerten sind die Top-Picks AT&S, Andritz, RBI, CA Immo und Immofinanz. Für die AT&S als Technologiewert sprechen der langfristige Ausblick und steigende Wachstums- und Gewinndynamik, die RBI und Andritz sollten überproportional von der Wirtschaftserholung profitieren. Immobilienwerte werden aktuell noch etwas skeptisch betrachtet, es ist jedoch davon auszugehen, dass sich die Kurse mittelfristig wieder den Nettoimmobilienwerten annähern werden.

CEE von großer Bedeutung
Die Entwicklung der CEE-Region bleibt für heimische Unternehmen von großer Bedeutung. Die Pandemie hat daran nichts geändert, langfristige Wachstumsaussichten bleiben intakt.

„Die CEE-Region sollte im laufenden Jahr mit durchschnittlich +3,6 Prozent stabiles BIP-Wachstum liefern und damit eine solide Basis für ATX-Unternehmen bilden“, erklärt Mostböck. „Infolge einer attraktiven Bewertung und einem kräftigen Rebound im Gewinnwachstum von 72 Prozent besitzt die Wiener Börse einen starken Hebel für Aufholpotenzial. Dies sollte unterm Strich ein Kurspotenzial von etwa zehn Prozent auf Jahressicht rechtfertigen.“

Auch Privatbank Spängler leidlich optimistisch
Nach einem turbulenten Jahr 2020, in dem auch die globalen Kapitalmärkte maßgeblich von der Corona-Pandemie geprägt waren, können Anleger heuer durchaus mit vorsichtigem Optimismus in die Zukunft schauen, rechnen die Experten des Bankhaus Spängler in ihrem aktuellen Ausblick jedenfalls mit einer weiteren Normalisierung der Wirtschaft. Am Aktienmarkt – der sich nach dem Absturz im letzten Frühjahr überraschend schnell erholt hat – werden sich die Gewinnentwicklungen der Unternehmen als bestimmender Faktor für den weiteren Verlauf zeigen. „Der Trend ist grundsätzlich intakt“, meint dazu Vorstandsmitglied Nils Kottke. Allerdings mahne der aktuell überwiegende Optimismus der Marktteilnehmer auch zur Vorsicht.

„Nach den starken Einbrüchen im Frühjahr des letzten Jahres befinden sich insbesondere europäischen Aktien wieder im oberen Bewertungsbereich“, erklärt Markus Dürnberger, Leiter Asset Management im Bankhaus Spängler. „Auch die Kurse am US-Aktienmarkt sind mittelfristig aus der oberen Bandbreite ausgebrochen, Grund dafür ist die hohe Gewichtung der stark wachsenden Technologie-Unternehmen. Auch Asien wird von den Marktteilnehmern gut bewertet, u.a. lässt der Handelspakt zwischen China und 14 Asien-Pazifik-Staaten auf ein konjunkturelles Hoch hoffen. Generell muss auf den Aktienmärkten bei einer Bewertungssituation, wie wir sie derzeit erleben, aber auch mit einer möglichen Konsolidierung gerechnet werden.”

Kommt die konjunkturelle Erholung?
„Generell hängt die Erholung weltweit stark von der Bewältigung der Herausforderungen bei der Impfstoffverteilung und der Impfbereitschaft der Menschen ab“, betont Kottke. Für das kommende Jahr sei jedoch mit einer weiteren Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivität zu rechnen. Das Konsumentenvertrauen in der Eurozone sei jedenfalls nach wie vor noch nicht hergestellt. Auch in den USA zeigen sich hier noch deutliche Spuren, in China liegt dieser Index jedoch schon wieder auf Vorkrisenniveau.

„Beim Vergleich der ebenso wichtigen Einkaufsmanagerindizes zeigt sich, dass sich das verarbeitende Gewerbe bereits wieder auf einem Expansionspfad befindet“, meint Dürnberger. „Hingegen hat vor allem der Dienstleistungssektor in Europa – nach den massiven Lockdowns der letzten Wochen wenig überraschend – noch großes Aufholpotenzial.“ In den USA liegen die Hoffnungen auf dem großzügigen Konjunkturpaket, das der neue Präsident Joe Biden realisieren will.

Mehr Inflation wegen expansiver Geldpolitik?
Eine Erhöhung der Zinsen durch die Notenbanken ist mittelfristig nicht in Sicht. Die Geldpolitik wird ihren expansiven Kurs fortsetzen. Die niedrigen Zinsen und Anleihekaufprogramme werden auch im kommenden Jahr weitergeführt, darüber sind alle Experten einig. Gleichzeitig kommt der Fiskalpolitik eine noch größere Bedeutung zu.

Obwohl derzeit bereits sehr viel Geld im Umlauf ist, orten die Experten des Bankhaus Spängler keine allzu große Gefahr für mehr Inflation. „Wir sehen zwar einen Anstieg bei Vermögenswerten wie Immobilien, Rohstoffen oder jüngst bei der Alternativwährung Bitcoin. Auch die in den Märkten eingepreisten Erwartungen zeigen leicht nach oben, beispielsweise bei Gold. Die öffentlichen Inflationszahlen signalisieren jedoch noch keine akute Gefahr“, erläutert Dürnberger.

Amundi sieht vier wichtige Faktoren
In den „Amundi Global Investment Views – January 2021“ präsentieren Pascal Blanqué (Group Chief Investment Officer) und Vincent Mortier (Deputy Group Chief Investment Officer) ihre aktuellen Einschätzungen der globalen Wirtschaft, der wichtigsten Wirtschaftsräume und der Investmentchancen. In der modernen Geschichte sei 2020 ohne Beispiel, die Pandemie habe die Welt in die tiefste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt, die nach Angaben der Weltbank so viele Länder wie zuletzt in den 1870er-Jahren gleichzeitig getroffen hat.

Die Auswirkungen sind zum Teil irreversibel. Die Welt, wie wir sie vor der Pandemie kannten, wird ziemlich sicher nicht mehr zurückkehren. Die Hoffnung auf eine schnelle Verteilung von Impfstoffen, weitere Konjunkturmaßnahmen und eine geopolitische Entspannung verstärken die Erwartung einer Wiederbelebung, trotz Rezession konnten die meisten Märkte das Jahr daher mit Gewinnen beenden. Die Reflation könnte sich auch zu Beginn des neuen Jahres fortsetzen; um jedoch Blasen zu vermeiden und ihre Portfolios im richtigen Moment umzustellen und krisenfester zu machen, sollten Anleger nach Meinung der beiden Amuni-Experten vier Faktoren beachten:

Faktor 1: Der Impfstoff
Hinter der letzten Kursrallye steckt der Glaube an den Erfolg von Impfstoffen und die kühne Annahme, es bliebe alles beim Alten. Hier liegt die erste Risikoquelle, und dies nicht nur, weil die Produktion und Verteilung von Impfstoffen in großem Maßstab kein triviales Unterfangen sind, sondern auch, weil die Märkte davon ausgehen, dass ein Großteil der Bevölkerung tatsächlich geimpft wird.

Die Idee einer zum Greifen nahen Normalität ist aber vermutlich ein Trugschluss – und das dürfte die ganzen Probleme ans Tageslicht bringen, die kennzeichnend für den stotternden Neustart sind. Der Start der Impfungen spricht für eine weitere Erholung der Märkte, Aktien sollten gegenüber Hochzinsanleihen im Vorteil sein. Value-Aktien (wertorientierte Aktien) dürften besonders von dieser Rotation profitieren; in den besonders überteuerten Growth-Segmenten (wachstumsorientierte Aktien) drohen bei einer Reflation dagegen erhebliche Blasen, weshalb Anleger hier vorsichtig sein sollten.

Faktor 2: Die Konjunkturmaßnahmen
Regierungen und Notenbanken halten die Wirtschaft am Laufen, die bisherigen Maßnahmen sind jedoch wohl unzureichend (vor allem auf Regierungsseite) und auch nicht immer gezielt oder sorgfältig austariert. Ein Ende der Maßnahmen scheint undenkbar, im Gegenteil: Die Notenbanken werden vermutlich noch stärker eingreifen müssen, außerdem unterschätzen die Märkte wahrscheinlich das Risiko politischer Fehler.

Andererseits dürfte irgendwann auch die Inflation anziehen. Zu Jahresbeginn 2021 liegen die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen über einem Prozent. Das ist der höchste Stand seit vergangenem März. Sollte mit dem Aufschwung auch die Inflation steigen, könnten die Renditen weiter anziehen und an den Märkten einen Dominoeffekt auslösen. Es sind keine hohen Inflationsraten schon in nächster Zeit zu erwarten, doch boomende Immobilienmärkte, Verlagerungen von Lieferketten und riesige Sparvermögen, welche die Nachfrage anheizen, könnten die Null-Inflation dauerhaft aufheben. Im Falle abrupter Renditeschwankungen dürfte die US-Notenbank Fed eingreifen und die Zinskurve kontrollieren. Um wachsende Risiken durch Positionen mit einer langen Duration (durchschnittliche Kapitalbindungsdauer) zu vermeiden, sollten Anleger die Inflation im Auge behalten.

Faktor 3: China führt die Erholung an
China hat sich als einzige große Volkswirtschaft bereits 2020 vollständig erholt und dürfte auch 2021 schneller wachsen als der Rest der Welt, wovon die asiatischen Schwellenländer, aber auch Europa mit seinen engen Handelsbeziehungen zu China und Asien profitieren würden.

Zu Jahresbeginn könnte daher eine Aktienallokation in Schwellenländern (insbesondere Asien und China) eine Überlegung wert sein. Trotz der großen Kurssprünge im vergangenen Jahr gibt es Raum für weiteres Wachstum, insbesondere in Marktsegmenten, die von steigender Binnennachfrage profitieren.

Faktor 4: Der Marktkonsens
Das größte Risiko am Markt geht heute vom Marktkonsens selbst aus. Der Berg negativ verzinster Schulden wächst rasant, weshalb die Jagd nach Rendite extreme Formen annehmen dürfte. Die Versuchung, in riskantere Anleihen umzuschichten, ist ebenso groß wie die Verlockung einer Wette auf dauerhaft niedrige Zinsen.

In Anbetracht der knappen Liquidität im System ist diese Strategie jedoch gefährlich. Größte Bedeutung hat sorgfältige Auswahl, man sollte dabei jedoch das gesamte Spektrum im Auge behalten. Bezieht man auch private Märkte ein, bietet sich mit dem entsprechenden Zeithorizont ein großes und diversifiziertes Anlageuniversum. Darüber hinaus könnte es sinnvoll sein, auf der Suche nach Rendite eine gute Balance zu finden zwischen Hochzins- und Schwellenländeranleihen (auch in Lokalwährung) sowie Unternehmensanleihen einerseits und andererseits Staatsanleihen für die Liquidität und zur Diversifikation.

Das Umfeld für Aktien scheint zu Jahresbeginn 2021 günstig. Wegen der niedrigen Zinsen und knappen Risikoaufschläge sollte man sich laut Amundi auf niedrigere zukünftige Erträge am Rentenmarkt einstellen. Um die Renditeziele dennoch zu erreichen, kann es Sinn ergeben, höhere Risiken einzugehen und die Aktienquote zu erhöhen. Im Zuge der Impfstoffverteilung könnte die Volatilität (Kursschwankungen) auch in Form von Stop-and-Go-Phasen zurückkehren, was die Bedeutung von weiteren Diversifizierungsquellen und Absicherungspositionen unterstreicht. Trotz positiver Prognosen ist mit einer holprigen Erholung zu rechnen, für aufmerksame Anleger könnte 2021 aber auch ein Jahr zahlreicher Möglichkeiten werden.

1.2.2021 / Autor: Paul Christian Jezek / p.jezek@lex-press.at